Sicherheitsbeauftragte bestellt, aber nichts passiert? Was bei Kern anders lief
SiBe bestellt, im Alltag passiert nichts? Sven Marquardt und Christian Kern erzählen, was sich bei Kern Drucklufttechnik in Oelde geändert hat.
Wenn nach der Bestellung nichts passiert, fehlt dem Sicherheitsbeauftragten meistens jemand, der ihn im eigenen Betrieb an die Hand nimmt. Das Wissen aus dem Grundlehrgang ist da. Was fehlt, ist der erste Schritt im eigenen Bereich und jemand, den er fragen kann. Bei Kern Drucklufttechnik in Oelde haben wir genau das sechs Monate lang begleitet. Sven Marquardt, der SiBe dort, und Geschäftsführer Christian Kern haben uns erzählt, wie es vorher war und was sich seitdem verändert hat.
Wie sieht es aus, wenn der SiBe nur auf dem Papier steht?
Sven kennt das aus einem früheren Betrieb. Er beschreibt es so: „Es wird gesagt, Sicherheitsbeauftragter, wir brauchen das Papier. Und so wird das dann auch gehandhabt.“ Den Grund sieht er beim Geld. Arbeitssicherheit kostet erst einmal, und den Gewinn daraus sieht man nicht sofort.
Von außen erkennst du so einen Zustand an Kleinigkeiten. Der Name steht auf dem Aushang neben dem Erste-Hilfe-Kasten. Meldungen gehen am SiBe vorbei direkt zum Meister. In der Besprechung sagt er nichts, weil ihn keiner fragt. Und der Ordner vom Lehrgang liegt seit zwei Jahren in der Schublade. Meist hat einfach nie jemand geklärt, was der SiBe in diesem Betrieb tun soll.
Wie war die Ausgangslage bei Kern Drucklufttechnik?
Kern Drucklufttechnik verkauft, installiert und wartet Kompressoren und Druckluftanlagen. 18 Leute arbeiten dort. Sven ist in der Montage, im Leitungsbau, im Lüftungskanalbau und beim Umbau von Überseecontainern unterwegs. Einen Sicherheitsbeauftragten müsste ein Betrieb dieser Größe nach § 22 SGB VII nicht bestellen. Das Team hat sich trotzdem dafür entschieden. Sven sagt, man habe gemeinsam festgestellt, dass es sinnvoller ist, vorher zu investieren und eine eigene Sicherheitskultur aufzubauen.
Den Grundlehrgang der Berufsgenossenschaft hatte Sven schon hinter sich. Vorkenntnisse hatte er davor „kaum bis gar nichts“. Nach dem Lehrgang stand er als einziger SiBe im Kleinbetrieb da: „Es fehlt einem nach dieser Schulung jemand, der einen an die Hand nimmt.“ Offen waren für ihn zwei Fragen: Womit fange ich bei Kern an, und wen frage ich, wenn ich festhänge?
Christian Kern kennt das von sich selbst. Man fährt zu einer Schulung, lernt etwas, und zurück im Betrieb fehlt die Gelegenheit, es gleich anzuwenden.
Was haben wir bei Kern anders gemacht?
Wir haben mit einer Bestandsaufnahme angefangen. Was ist schon da, und was ist dringend? Daraus haben wir mit Sven eine Reihenfolge gemacht, und die arbeitet Sven seitdem Punkt für Punkt ab.
Jede Woche gab es einen Live-Call. Sven berichtet dort, wie weit er ist und wo er festhängt. Dazwischen konnte er jederzeit anrufen. Die Inhalte liegen als kurze Videos auf unserer Lernplattform, Sven kann sie immer wieder nachschauen. Sven nennt das, was ihm am meisten geholfen hat, ganz schlicht: „dass man nicht alleine ist“.
Christian sieht den Unterschied in der Regelmäßigkeit. Wer jede Woche einen Termin hat, bleibt am Thema dran, und das Gelernte setzt sich fest. Genau das hat ihm bei früheren Schulungen gefehlt.
Was hat sich bei Sven verändert?
Am deutlichsten merkt man es daran, wer zu wem geht. Früher stand Sven mit seinem Lehrgangswissen allein da. Heute kommen die Kollegen zuerst zu ihm, wenn sie eine Frage zur Sicherheit haben, zum Beispiel welchen Gehörschutz sie für eine Arbeit nehmen sollen. Er ist die erste Anlaufstelle geworden.
Er geht auch selbst anders durch den Betrieb. Er versucht, Vorbild zu sein, Schutzbrille und Gehörschutz hat er immer dabei. Für seinen Bereich führt er Checklisten und arbeitet mit der Gefährdungsbeurteilung.
Mit dem Chef läuft es ebenfalls anders. Sven bereitet Themen vor, bevor er damit zu Christian geht, und trägt sie sachlich vor. Die Folge beschreibt er nüchtern: Entscheidungen fallen schneller. Gefragt, wie er sich heute in seiner Rolle fühlt, sagt er, er fühle sich „gut gewappnet“, den Arbeitsschutz im Unternehmen weiter voranzubringen.
Und im Team? „Die Kollegen gucken mittlerweile alle mehr mit und achten selber auf sich“, sagt Sven. Mit Sicherheitsfragen kommen sie zu ihm und zum Chef. „Man merkt, dass es wirkt.“
Was sieht der Geschäftsführer?
Christian Kern beschreibt es im Video mit einem Satz: „Man merkt halt, dass jeder viel mehr schaut wie früher.“ Wann kommt der TÜV, ist der Erste-Hilfe-Kasten vollständig, was ist mit der Leiter, was mit dem Regal. Solche Fragen stellen die Leute bei Kern heute von selbst.
Für ihn als Geschäftsführer zählt außerdem die Entlastung: „Ein Sicherheitsbeauftragter nimmt mir auf jeden Fall Aufgaben ab.“ Die Verantwortung bleibt bei ihm, das sagt er selbst. Den Überblick im Alltag hat aber Sven, und der hält ihn auf dem Laufenden. In einem Betrieb mit 18 Leuten merkt man jeden Arbeitsunfall sofort, weil dann jemand auf der Baustelle fehlt.
Das ganze Gespräch mit Christian Kern siehst du im Video am Ende des Artikels.
Was kannst du tun, wenn bei deinem SiBe nichts passiert?
Oft reicht es, wenn jemand die ersten Wochen nach dem Lehrgang begleitet. Diese vier Schritte kannst du selbst gehen, die ersten beiden haben auch bei Kern den Anfang gemacht:
Setz dich mit deinem SiBe eine Stunde hin und schaut gemeinsam, wo sein Bereich steht. Sucht euch daraus eine einzige Sache aus, mit der er anfängt.
Leg einen festen Termin fest, alle ein bis zwei Wochen, eine Viertelstunde reicht. Dort erzählt der SiBe, was er gesehen hat und wo er nicht weiterkommt.
Klärt, wohin seine Hinweise gehen und wer ihm bis wann antwortet. Ein Hinweis ohne Rückmeldung ist der schnellste Weg, dass er keinen zweiten gibt.
Wenn etwas umgesetzt wird, das vom SiBe kam, sag im Team, von wem die Idee war.
Wenn dir für diese Begleitung die Zeit fehlt, übernehmen wir sie. Die safetyfellow® Grundausbildung läuft sechs Monate, digital, hybrid oder vor Ort, mit wöchentlichem Live-Call und Aufgaben im eigenen Betrieb. Was hinter dem Ansatz steckt, liest du auf der Seite zur SiBe-Wirksamkeit, weitere Beispiele aus Betrieben im kostenlosen Report.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich, dass mein SiBe nur auf dem Papier existiert?
Frag dich, wann er dir zuletzt etwas gemeldet hat und was daraus geworden ist. Wenn dir nichts einfällt, oder wenn Kollegen mit Sicherheitsfragen an ihm vorbei direkt zum Vorgesetzten gehen, hat die Rolle im Alltag noch keinen Platz.
Reicht der Grundlehrgang der Berufsgenossenschaft?
Für das Grundwissen ja. Der Lehrgang vermittelt, was ein SiBe wissen muss. Wie er das mit seinen Kollegen und seinem Chef umsetzt, lernt er erst im Betrieb. Dafür braucht er in den ersten Monaten jemanden, mit dem er regelmäßig spricht, die Sifa oder eine externe Begleitung.
Lohnt sich ein Sicherheitsbeauftragter in einem kleinen Betrieb?
Kern Drucklufttechnik hat 18 Beschäftigte und hätte nach Kopfzahl keinen SiBe gebraucht. Der Geschäftsführer sieht den Gewinn darin, dass im Betrieb mehr Leute hinschauen und er selbst Aufgaben abgeben kann. In einem kleinen Team wirkt ein einzelner SiBe sogar schneller, weil er fast alle Kollegen täglich sieht.
Wie lange dauert es, bis ein SiBe wirkt?
Erste Veränderungen haben Sven und Christian schon während der Ausbildung bemerkt. Fertig ist man damit aber nicht. Sven sagt selbst, Arbeitsschutz sei nichts, was von heute auf morgen passiert, eher ein Prozess über Monate und Jahre, der eigentlich nie endet.
Dario war Head of HSE in der Produktion und hatte über 20 Sicherheitsbeauftragte, die er nur ab und zu beteiligt hat. Heute hilft er Betrieben, ihre Sicherheitsbeauftragten wirksam zu machen.
Im Report zeigen wir an MAN Truck & Bus, Weidmüller und Kern Drucklufttechnik, wie es gelingt. Das gedruckte Heft kommt kostenlos per Post auf deinen Schreibtisch.