Sicherheitsbeauftragte strategisch einbinden: So werden sie zu Multiplikatoren
So bindest du Sicherheitsbeauftragte fest ein: vom Arbeitsschutzausschuss bis zur Planung neuer Anlagen, damit sie als Multiplikatoren im Team wirken.
Sicherheitsbeauftragte strategisch einbinden heißt: Du holst sie fest in die Abläufe des Arbeitsschutzes, vom Arbeitsschutzausschuss nach § 11 ASiG über Begehungen bis zur Planung neuer Anlagen. Dazu gehören ein schriftliches Rollenprofil, ein vereinbartes Zeitkontingent und eine Rückmeldung auf jeden Hinweis. Weil SiBes jeden Tag mitten im Team arbeiten, tragen sie Wissen und Haltung zum Arbeitsschutz als Multiplikatoren in ihren Bereich.
Halle 3 bekommt eine neue Presse. Geplant wurde sie im Büro, mit Einkauf, Instandhaltung und Hersteller. Der Sicherheitsbeauftragte der Halle erfährt davon, als der Kran die Maschine abstellt. Zwei Wochen später meldet er, dass die Bedienseite zum Hauptgang zeigt. Der Staplerverkehr läuft direkt hinter dem Rücken der Bediener vorbei. Jetzt wird nachgebessert, mit Kosten und Ärger auf allen Seiten.
So sieht es in vielen Betrieben aus. Sicherheitsbeauftragte sind bestellt und stehen im Organigramm. Bei den Entscheidungen stehen sie am Rand. Dieser Artikel ist für dich, wenn du als Fachkraft für Arbeitssicherheit, in der Geschäftsführung oder in der Personalentwicklung daran etwas ändern willst.
Warum wirken Sicherheitsbeauftragte als Multiplikatoren?
Sicherheitsbeauftragte sind Beschäftigte wie alle anderen. Sie unterstützen den Unternehmer beim Arbeitsschutz. Weisungsbefugnis haben sie keine, und sie haften auch nicht zusätzlich für die Durchführung des Arbeitsschutzes. Die Verantwortung bleibt bei Unternehmer und Führungskräften, mehr dazu im Artikel zur Haftung des Sicherheitsbeauftragten. Ihre Stärke liegt woanders. Sie arbeiten jeden Tag mitten im Team und genießen dort oft Vertrauen.
Der Begriff Multiplikator stammt aus Pädagogik und Kommunikation. Gemeint ist jemand, der Inhalte aufnimmt und sie glaubwürdig in seiner Umgebung weitergibt. Für Sicherheitsbeauftragte heißt das: Sie tragen Wissen und Haltung zum Arbeitsschutz in den Betrieb. Das gelingt vor allem über Nähe und Vorbild.
Wie prägen SiBes Verhalten ohne Weisungsbefugnis?
Ein Sicherheitsbeauftragter trägt seine Schutzausrüstung, spricht Mängel direkt an und arbeitet achtsam. Andere ziehen nach. Psychologisch wirkt das auf mehreren Wegen:
Soziale Norm: „Wenn meine Kollegin das ernst nimmt, ist es wohl wichtig.“
Kleine Hinweise: Ein kurzes „Achte auf deine Haltung“ verändert Gewohnheiten.
Gruppendynamik: Sicherheitsbewusstsein wird im Team normal.
Warum sehen SiBes Gefährdungen früher als die Sifa?
Wer im Team arbeitet, sieht Dinge, bevor sie eskalieren. Das defekte Gerät im Lager oder die Abkürzung über die Ladezone. Sicherheitsbeauftragte sind damit Sensoren und Frühwarnsystem deiner Organisation. Sie können Gefährdungen früh und niederschwellig ansprechen. Die Sifa kommt nur zeitweise in den Betrieb. Der SiBe ist jeden Tag da.
Warum vertrauen Kollegen eher dem SiBe?
Beschäftigte wenden sich eher an jemanden aus der eigenen Reihe. Das gilt besonders, wenn sie Missstände beobachten und Angst vor Ärger oder Ablehnung haben. So werden Sicherheitsbeauftragte zu Brückenbauern. Sie nehmen Stimmungen auf und tragen sie zur Führung. Umgekehrt geben sie den Kollegen Rückhalt, wenn sich im Betrieb etwas verändert.
Lohnt sich ein Sicherheitsbeauftragter auch ohne Pflicht?
Seit dem 29. Mai 2026 gilt die Pflicht zur Bestellung nach § 22 SGB VII ab regelmäßig 50 Beschäftigten. Zwischen 21 und 49 Beschäftigten gilt sie nur, wenn die Gefährdungsbeurteilung eine besondere Gefährdung für Leben und Gesundheit ergibt. Die Details stehen im Artikel Sicherheitsbeauftragter: Pflicht ab wie vielen Mitarbeitern?
Die Multiplikator-Wirkung hängt an keiner Beschäftigtenzahl. Kern Drucklufttechnik in Oelde hat 18 Beschäftigte und müsste keinen Sicherheitsbeauftragten bestellen. Trotzdem hat safellows dort Sven Marquardt zum SiBe ausgebildet. Seitdem kommen die Ideen aus der Mannschaft, bis hin zur Auswahl des Schutzhelms.
Woran scheitert die Einbindung von Sicherheitsbeauftragten?
Das Potenzial geht verloren, wenn das Umfeld nicht mitspielt. Diese Fehler begegnen uns am häufigsten:
Fehlende Information: Sicherheitsbeauftragte erfahren selten etwas über Maßnahmen, Projekte oder Ziele im Arbeitsschutz.
Unklare Aufgaben: Niemand hat besprochen, was von ihnen erwartet wird. Das führt zu Unsicherheit und am Ende zu Untätigkeit.
Keine Wertschätzung: Engagement wird weder gesehen noch gewürdigt.
Keine Mitsprache: Sicherheitsbeauftragte dürfen melden. Mitgestalten dürfen sie nicht.
Keine Zeit: Die Aufgabe läuft nebenher und fällt bei Zeitdruck als Erstes weg.
In einer Befragung des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV mit mehr als 1.600 Sicherheitsbeauftragten gaben 42,4 % an, bei Betriebsbegehungen meist nicht einbezogen zu werden. 26,1 % sind nicht im Arbeitsschutzausschuss eingebunden, obwohl § 11 ASiG sie dort vorsieht.
Dario Ostfechtel kennt mehrere dieser Punkte aus eigener Erfahrung. Als Leiter HSE in einem Industrieunternehmen hatte er über 20 Sicherheitsbeauftragte. Eingebunden hat er sie nur ab und zu, ohne festen Platz in seiner Arbeit. Ihre Bereiche hat er oft gesehen, mit den SiBes selbst hat er wenig gesprochen.
Die Folgen hörst du in Gesprächen mit Sicherheitsbeauftragten immer wieder. „Ich sehe es, aber es ändert sich nichts.“ Oder: „Bin ich jetzt Aufpasser oder Kollege?“ Daraus wird Frust, und irgendwann bleibt nur noch Pflichterfüllung. Im schlimmsten Fall erleben die Beschäftigten Sicherheitskultur als leere Hülle.
Was heißt strategische Einbindung konkret?
Strategisch einbinden heißt: Du holst Sicherheitsbeauftragte systematisch und dauerhaft in die Prozesse des Arbeitsschutzes. Das betrifft mehrere Ebenen.
Welche Strukturen braucht ein Sicherheitsbeauftragter?
Teilnahme an den Sitzungen des Arbeitsschutzausschusses (ASA). Nach § 11 ASiG gehören Sicherheitsbeauftragte ohnehin dazu. Wie das gut gelingt, steht im Artikel Sicherheitsbeauftragte im Arbeitsschutzausschuss.
Training in Gesprächsführung und Konfliktlösung, praxisnah und mit Situationen aus dem eigenen Betrieb
Austausch unter Sicherheitsbeauftragten, etwa in Netzwerktreffen oder Lernzirkeln
Beteiligung an Gefährdungsbeurteilungen, Unterweisungskonzepten und Projektteams
Den Austausch untereinander wünschen sich SiBes besonders oft. In derselben Befragung nannten 54,9 % einen stärkeren Erfahrungsaustausch im Betrieb und darüber hinaus als Hebel für mehr Wirksamkeit. Das war die häufigste Antwort.
Woran zeigt sich Einbindung in der Kultur?
Anerkennung durch Team und Führung
Sichtbarkeit im Betrieb, zum Beispiel im Intranet oder am Aushang
Raum für eigene Ideen und Vorschläge
Alle Ebenen zusammen bilden das, was wir mit dem Wirksamkeits-Prinzip beschreiben: Wissen und Haltung, Kommunikation und Beteiligung, System und Struktur.
Wie setzt du die Einbindung im Betrieb um?
Wie klärst du die Rolle des SiBe?
Setz dich mit dem Sicherheitsbeauftragten und seiner Führungskraft zusammen. Klärt gemeinsam:
Welche Aufgaben übernimmt der SiBe, und wo liegen die Grenzen?
Welche Ziele sollen erreicht werden?
Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit?
Wie viel Zeit steht für die SiBe-Arbeit fest zur Verfügung?
Haltet das Ergebnis in einem kurzen Rollenprofil fest. Dann wissen alle Beteiligten, woran sie sind, auch die Kollegen im Bereich.
Wann holst du SiBes in Projekte?
Hol Sicherheitsbeauftragte schon in der Planungsphase dazu. Das gilt für Umbauten und Neuanschaffungen, für neue Arbeitsverfahren und für die Gefährdungsbeurteilung. Bei der Presse in Halle 3 hätte ein Gespräch mit dem SiBe vor der Bestellung gereicht. Er kennt den Staplerverkehr in seiner Halle. So wird aus Beteiligung Mitgestaltung, und die Nachbesserung fällt weg.
Wie gehst du mit Hinweisen von SiBes um?
Richte einen festen Weg ein, über den Sicherheitsbeauftragte Beobachtungen und Ideen einbringen. Sorg dafür, dass jeder Hinweis eine Rückmeldung bekommt. Auch wenn sie lautet: „Das schaffen wir erst im nächsten Quartal.“ Wer auf seine Meldungen nie eine Antwort bekommt, hört irgendwann auf zu melden. Das gilt besonders für Beinaheunfälle, die sonst niemand erfährt. Wertschätzung beginnt mit Zuhören.
Wie gibst du deinem SiBe Rückendeckung?
Ohne Weisungsbefugnis braucht ein Sicherheitsbeauftragter ein offizielles Mandat. Die Kollegen müssen spüren, dass die Führungskraft hinter ihm steht. Wie Führungskräfte das im Alltag zeigen, steht im Artikel zur Akzeptanz von Sicherheitsbeauftragten bei Führungskräften.
Wie machst du Anerkennung sichtbar?
Zeig, dass Engagement zählt. Das geht mit kleinen Mitteln:
Erwähnung in internen Medien
„SiBe des Monats“
Teilnahme an externen Schulungen
Zertifikate und Teilnahmebestätigungen
Auch kleine Zeichen stärken Motivation und Bindung.
Was können Geschäftsführung und Personalentwicklung beitragen?
Die Haltung der Unternehmensleitung entscheidet mit über die SiBe-Wirksamkeit im ganzen Betrieb. Stell dir vor, die Geschäftsführerin sitzt in der ASA-Sitzung und dankt dem SiBe aus der Logistik für seinen Hinweis zur Rampe. Das hören alle im Raum, und es spricht sich herum. Dann ist Sicherheit Chefsache.
Für die Personalentwicklung lohnt ein zweiter Blick. Engagierte Sicherheitsbeauftragte bringen oft Führungspotenzial mit. Dieses Engagement kannst du nutzen:
Führungskräftetrainings für engagierte SiBes
Mentoring, bei dem erfahrene SiBes neue begleiten
Beteiligung an Projekten zur Kulturentwicklung
So entwickeln sich Menschen und Betrieb über den Arbeitsschutz gemeinsam weiter.
Womit fängst du an?
Nimm dir die Projektliste der nächsten sechs Monate. Markier jedes Vorhaben, das einen Arbeitsbereich verändert, zum Beispiel eine neue Maschine oder einen Umbau. Trag bei jedem den zuständigen Sicherheitsbeauftragten als Beteiligten ein, bevor die erste Bestellung rausgeht. Wenn du wissen willst, wo deine Sicherheitsbeauftragten insgesamt stehen, schau dir unsere Analyse und Strategie an oder fordere den kostenlosen Report zur SiBe-Wirksamkeit an.
Häufige Fragen
Wie viel Zeit bekommt ein Sicherheitsbeauftragter für seine Aufgaben?
§ 22 SGB VII legt keine feste Stundenzahl fest. Vereinbart deshalb ein Zeitkontingent im Rollenprofil, damit SiBe und Führungskraft planen können. Wie SiBes diese Zeit im Alltag gut nutzen, steht im Artikel Zeitmanagement für Sicherheitsbeauftragte.
Wer bezahlt die Ausbildung von Sicherheitsbeauftragten?
Nach § 23 SGB VII sorgen die Unfallversicherungsträger für die Aus- und Fortbildung. Der Arbeitgeber stellt den SiBe dafür frei und zahlt den Lohn weiter.
Wie oft sollten Sicherheitsbeauftragte fortgebildet werden?
Eine gesetzliche Frist gibt es nicht. Als Orientierung gilt eine Auffrischung spätestens drei bis fünf Jahre nach der Ausbildung.
Dürfen Sicherheitsbeauftragte an der Gefährdungsbeurteilung mitarbeiten?
Ja, und das lohnt sich. Sie kennen Abläufe in ihrem Bereich, die vom Büro aus niemand sieht. Die Verantwortung für die Gefährdungsbeurteilung bleibt beim Arbeitgeber.
DGUV (Hrsg.): „Verbesserung der Wirksamkeit von Sicherheitsbeauftragten. Konzeptionelle Überlegungen und praktische Ansätze für erfolgreiche außerbetriebliche und innerbetriebliche Maßnahmen“, mit Ergebnissen der Befragung des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG), Webcode p022400: publikationen.dguv.de
Dario war Head of HSE in der Produktion und hatte über 20 Sicherheitsbeauftragte, die er nur ab und zu beteiligt hat. Heute hilft er Betrieben, ihre Sicherheitsbeauftragten wirksam zu machen.
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